Glaubensbekenntnisse

Das Apostolische Glaubensbekenntnis

Das Apostolische Glaubensbekenntnis geht auf die Frühzeit der Kirche zurück. Seit Anfang des 5. Jahrhunderts ist es in seiner jetzigen Form schriftlich belegt. Als Taufbekenntnis verbindet es die Kirchen. Die evangelischen Kirchen bekennen es in weltweiter Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche, der altkatholischen Kirche, den anglikanischen Kirchen und vielen anderen. Es hat seinen traditionellen Ort in der Feier des Gottesdienstes.

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Amen.

Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel

Das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel wurde schon im Jahr 381 formuliert. Es ist das im weitesten Sinn ökumenische Glaubensbekenntnis, weil es die gesamte Christenheit verbindet.

Im Abschnitt über den Heiligen Geist gibt es allerdings an einer Stelle unterschiedliche Überlieferungen. In den orthodoxen Kirchen ist die ursprüngliche Fassung in Geltung. Sie lautet "Wir glauben an den Heiligen Geist, ... der aus dem Vater hervorgeht." Die Ergänzung "und dem Sohn" stammt aus dem Mittelalter. Als Ausdruck des gemeinsamen Glaubens kann in ökumenischen Gottesdiensten, die mit orthodoxen Christen zusammen gefeiert werden, dieser Zusatz wegfallen (siehe*).

Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater;durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel.

Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein. Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn[*] hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

Amen.

Das Augsburger Bekenntnis

Das Augsburger Bekenntnis (Confessio Augustana) hat Philipp Melanchthon, der Freund und Mitarbeiter Martin Luthers, im Auftrag evangelischer Fürsten und Reichsstädte verfasst mit dem Ziel, auf dem von Kaiser Karl V. einberufenen Reichstag in Augsburg 1530 die Gemeinsamkeit mit der katholischen Kirche wiederzuerlangen. Diesem Ziel sollten die Entfaltung der christlichen Lehre in seinem ersten Teil und die Ablehnung bestimmter Missbräuche im kirchlichen Leben in seinem zweiten Teil dienen. Das Augsburger Bekenntnis ist also ursprünglich ein ökumenisches Bekenntnis. Es konnte jedoch entgegen seiner Zielsetzung die Kirchenspaltung nicht verhindern und wurde zur wichtigsten Bekenntnisschrift der lutherischen Kirchen.

Die zeitbedingten Verurteilungen Andersdenkender, die das Augsburger Bekenntnis enthält, sind heute kaum noch nachvollziehbar, weil sie Lehre und Praxis der verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinschaften weithin nicht mehr treffen und weil zwischen diesen immer mehr ein von Toleranz geprägtes Verhältnis entstanden ist.

Das Augsburger Bekenntnis wird hier im Auszug wiedergegeben.

Artikel des Glaubens und der Lehre

Artikel 1 - Von Gott

Zuerst wird einträchtig laut Beschluss des Konzils von Nizäa gelehrt und festgehalten, dass ein einziges göttliches Wesen sei, das Gott genannt wird und wahrhaftig Gott ist, und dass doch drei Personen in diesem einen göttlichen Wesen sind, alle drei gleich mächtig, gleich ewig: Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Alle drei sind ein göttliches Wesen, ewig, unteilbar, unendlich, von unermesslicher Macht, Weisheit und Güte, ein Schöpfer und Erhalter aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Unter dem Wort "Person" wird nicht ein Teil, nicht eine Eigenschaft an einem anderen Sein verstanden, sondern etwas, was in sich selbst besteht (selbständig ist), so wie die Kirchenväter in dieser Sache dieses Wort gebraucht haben.

Deshalb werden alle Irrlehren verworfen, die diesem Artikel widersprechen.[A]

Artikel 2 - Von der Erbsünde

Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner dass auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist wieder neu geboren werden.

Damit werden die verworfen, die die Erbsünde nicht für eine Sünde halten, damit sie die Natur fromm machen durch natürliche Kräfte, in Verachtung des Leidens und Verdienstes Christi.

Artikel 3 - Vom Sohn Gottes

Ebenso wird gelehrt, dass Gott, der Sohn Mensch, geworden ist, geboren aus der reinen Jungfrau Maria, und dass die zwei Naturen, die göttliche und die menschliche, also in einer Person untrennbar vereinigt, ein Christus sind, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist, wahrhaftig geboren, gelitten, gekreuzigt, gestorben und begraben, dass er ein Opfer nicht allein für die Erbsünde, sondern auch für alle anderen Sünden war und Gottes Zorn versöhnte, ebenso dass dieser Christus hinabgestiegen ist zur Hölle (Unterwelt), am dritten Tage wahrhaftig auferstanden ist von den Toten und aufgefahren ist in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, dass er ewig über alle Geschöpfe herrsche und regiere; dass er alle, die an ihn glauben, durch den Heiligen Geist heilige, reinige, stärke und tröste, ihnen auch Leben und allerlei Gaben und Güter austeile und sie schütze und beschirme gegen den Teufel und die Sünde; dass dieser Herr Christus am Ende öffentlich kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten usw. laut dem Apostolischen Glaubensbekenntnis.

Artikel 4 - Von der Rechtfertigung

Weiter wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit vor Gott nicht durch unser Verdienst, Werk und Genugtuung erlangen können, sondern dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen durch den Glauben, nämlich wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird. Denn diesen Glauben will Gott als Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, ansehen und zurechnen, wie der Hl. Paulus zu den Römern im 3. und 4. Kapitel sagt.

Artikel 5 - Vom Predigtamt

Um diesen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben, durch die er als durch Mittel den Heiligen Geist gibt, der den Glauben, wo und wann er will, in denen, die das Evangelium hören, wirkt, das da lehrt, dass wir durch Christi Verdienst, nicht durch unser Verdienst, einen gnädigen Gott haben, wenn wir das glauben.

Und es werden die verdammt, die lehren, dass wir den Heiligen Geist ohne das leibhafte Wort des Evangeliums durch eigene Vorbereitung, Gedanken und Werke erlangen.

Artikel 6 - Vom neuen Gehorsam

Auch wird gelehrt, dass dieser Glaube gute Früchte und gute Werke hervorbringen soll und dass man gute Werke tun muss, und zwar alle, die Gott geboten hat, um Gottes willen. Doch darf man nicht auf solche Werke vertrauen, um dadurch Gnade vor Gott zu verdienen. Denn wir empfangen Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus - wie Christus selbst spricht: "Wenn ihr alles getan habt, sollt ihr sprechen: Wir sind untüchtige Knechte." So lehren auch die Kirchenväter. Denn Ambrosius sagt: "So ist es bei Gott beschlossen, dass, wer an Christus glaubt, selig ist und nicht durch Werke, sondern allein durch den Glauben ohne Verdienst Vergebung der Sünde hat."

Artikel 7 - Von der Kirche

Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden, wie Paulus sagt: "Ein Leib und ein Geist, wie ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe" (Eph. 4,4-5).

Artikel 8 - Was die Kirche sei?

Ebenso, obwohl die christliche Kirche eigentlich nichts anderes ist als die Versammlung aller Gläubigen und Heiligen, jedoch in diesem Leben unter den Frommen viele falsche Christen und Heuchler, auch öffentliche Sünder bleiben, sind die Sakramente gleichwohl wirksam, auch wenn die Priester, durch die sie gereicht werden, nicht fromm sind; wie denn Christus selbst sagt: "Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Pharisäer" usw. (Mt. 23,2).

Deshalb werden alle verdammt, die anders lehren.

Artikel 9 - Von der Taufe

Von der Taufe wird gelehrt, dass sie heilsnotwendig ist und dass durch sie Gnade angeboten wird; dass man auch die Kinder taufen soll, die durch die Taufe Gott überantwortet und gefällig werden, d.h. in die Gnade Gottes aufgenommen werden.

Deshalb werden die verworfen, die lehren, dass die Kindertaufe nicht richtig sei.

Artikel 10 - Vom heiligen Abendmahl

Vom Abendmahl des Herrn wird so gelehrt, dass der wahre Leib und das wahre Blut Christi wirklich unter der Gestalt des Brotes und Weines im Abendmahl gegenwärtig ist und dort ausgeteilt und empfangen wird.

Deshalb wird auch die Gegenlehre verworfen.

Artikel 11 - Von der Beichte

Von der Beichte wird so gelehrt, dass man in der Kirche die private Absolution oder Lossprechung beibehalten und nicht wegfallen lassen soll, obwohl es in der Beichte nicht nötig ist, alle Missetaten und Sünden aufzuzählen, weil das doch nicht möglich ist: "Wer kennt seine Missetat?" (Ps 19,13).

Artikel 12 - Von der Buße

Von der Buße wird gelehrt, dass diejenigen, die nach der Taufe gesündigt haben, jederzeit, wenn sie Buße tun, Vergebung der Sünden erlangen und ihnen die Absolution von der Kirche nicht verweigert werden soll. Nun ist wahre, rechte Buße eigentlich nichts anderes als Reue und Leid oder das Erschrecken über die Sünde und doch zugleich der Glaube an das Evangelium und die Absolution, nämlich dass die Sünde vergeben und durch Christus Gnade erworben ist. Dieser Glaube tröstet wiederum das Herz und macht es zufrieden. Danach soll auch die Besserung folgen und dass man von Sünden lasse; denn dies sollen die Früchte der Buße sein - wie Johannes sagt: "Tut rechtschaffene Frucht der Buße" (Mt 3,8).

Hiermit werden die verworfen, die lehren, dass diejenigen, die einmal fromm geworden (zum Glauben gekommen) sind, nicht wieder in Sünden fallen können. Andererseits werden auch die verworfen, die die Absolution denen verweigerten, die nach der Taufe gesündigt hatten. Auch werden die verworfen, die nicht lehren, dass man durch Glauben Vergebung der Sünde erlangt, sondern durch unsere Genugtuung.

Artikel 13 - Vom Gebrauch der Sakramente

Vom Gebrauch der Sakramente wird gelehrt, dass die Sakramente nicht nur als Zeichen eingesetzt sind, an denen man die Christen äußerlich erkennen kann, sondern dass sie Zeichen und Zeugnis sind des göttlichen Willens gegen uns, um dadurch unseren Glauben zu erwecken und zu stärken. Darum fordern sie auch Glauben und werden dann richtig gebraucht, wenn man sie im Glauben empfängt und den Glauben durch sie stärkt.

Artikel 14 - Vom Kirchenregiment

Vom Kirchenregiment (kirchlichen Amt) wird gelehrt, dass niemand in der Kirche öffentlich lehren oder predigen oder die Sakramente reichen soll ohne ordnungsgemäße Berufung.

Artikel 15 - Von Kirchenordnungen

Von Kirchenordnungen, die von Menschen gemacht sind, lehrt man bei uns, diejenigen einzuhalten, die ohne Sünde eingehalten werden können und die dem Frieden und der guten Ordnung in der Kirche dienen, wie bestimmte Feiertage, Feste und dergleichen. Doch werden dabei die Menschen unterrichtet, dass man die Gewissen nicht damit beschweren soll, als seien solche Dinge notwendig zur Seligkeit. Darüber hinaus wird gelehrt, dass alle Satzungen und Traditionen, die von Menschen zu dem Zweck gemacht worden sind, dass man dadurch Gott versöhne und Gnade verdiene, dem Evangelium und der Lehre vom Glauben an Christus widersprechen. Deshalb sind Klostergelübde und andere Traditionen über Fastenspeisen, Fasttage usw., durch die man Gnade zu verdienen und für die Sünde Genugtuung zu leisten meint, nutzlos und gegen das Evangelium.

Artikel 16 - Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment

Von der Polizei (Staatsordnung) und dem weltlichen Regiment wird gelehrt, dass alle Obrigkeit in der Welt und geordnetes Regiment und Gesetze gute Ordnung sind, die von Gott geschaffen und eingesetzt sind, und dass Christen ohne Sünde in Obrigkeit, Fürsten- und Richteramt tätig sein können, nach kaiserlichen und anderen geltenden Rechten Urteile und Recht sprechen, Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen, in ihnen mit streiten, kaufen und verkaufen, auferlegte Eide leisten, Eigentum haben, eine Ehe eingehen können usw.

Hiermit werden die verdammt, die lehren, dass das oben Angezeigte unchristlich sei.

Auch werden diejenigen verdammt, die lehren, dass es christliche Vollkommenheit sei, Haus und Hof, Weib und Kind leiblich zu verlassen und dies alles aufzugeben, wo doch allein das die rechte Vollkommenheit ist: rechte Furcht Gottes und rechter Glaube an Gott. Denn das Evangelium lehrt nicht ein äußerliches, zeitliches, sondern ein innerliches, ewiges Wesen und die Gerechtigkeit des Herzens; und es stößt nicht das weltliche Regiment, die Polizei (Staatsordnung) und den Ehestand um, sondern will, dass man dies alles als wahrhaftige Gottesordnung erhalte und in diesen Ständen christliche Liebe und rechte, gute Werke, jeder in seinem Beruf, erweise. Deshalb sind es die Christen schuldig, der Obrigkeit untertan und ihren Geboten und Gesetzen gehorsam zu sein in allem, was ohne Sünde geschehen kann. Wenn aber der Obrigkeit Gebot ohne Sünde nicht befolgt werden kann, soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Artikel 17 - Von der Wiederkunft Christi zum Gericht

Auch wird gelehrt, dass unser Herr Jesus Christus am Jüngsten Tag kommen wird, um zu richten und alle Toten aufzuerwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude zu geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und zur ewigen Strafe verdammen wird.

Deshalb werden die verworfen, die lehren, dass die Teufel und die verdammten Menschen nicht ewige Pein und Qual haben werden.

Ebenso werden hier Lehren verworfen, die sich auch gegenwärtig ausbreiten, nach denen vor der Auferstehung der Toten eitel (reine) Heilige, Fromme ein weltliches Reich aufrichten und alle Gottlosen vertilgen werden.

Artikel 18 - Vom freien Willen

Vom freien Willen wird so gelehrt, dass der Mensch in gewissem Maße einen freien Willen hat, äußerlich ehrbar zu leben und zu wählen unter den Dingen, die die Vernunft begreift. Aber ohne Gnade, Hilfe und Wirkung des Heiligen Geistes kann der Mensch Gott nicht gefallen, Gott nicht von Herzen fürchten oder an ihn glauben oder nicht die angeborenen, bösen Lüste aus dem Herzen werfen, sondern dies geschieht durch den Heiligen Geist, der durch Gottes Wort gegeben wird. Denn so spricht Paulus: "Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes" (1.Kor 2,14).[B]

Artikel 19 - Über die Ursache der Sünde

Von der Ursache der Sünde wird bei uns gelehrt: wiewohl Gott der Allmächtige die ganze Natur geschaffen hat und erhält, so bewirkt doch der verkehrte Wille in allen Bösen und Verächtern Gottes die Sünde, wie es denn der Wille des Teufels und aller Gottlosen ist, der sich, sobald Gott seine Hand abzog, von Gott weg dem Argen zugewandt hat, wie Christus sagt: "Der Teufel redet Lügen aus seinem Eigenen" (Joh 8,44).

Artikel 20 - Vom Glauben und guten Werken

Den Unseren wird in unwahrer Weise nachgesagt, dass sie gute Werke verbieten. Denn ihre Schriften über die Zehn Gebote und andere beweisen, dass sie von rechten christlichen Ständen und Werken einen guten nützlichen Bericht und eine Ermahnung hinterlassen haben, worüber man früher wenig gelehrt hat; sondern man hat in allen Predigten vor allem zu kindischen, unnötigen Werken, wie Rosenkränze, Heiligenverehrung, Mönchwerden, Wallfahrten, Fastenordnungen, Feiertage, Bruderschaften usw. angetrieben. Diese unnötigen Werke rühmen auch unsere Gegner jetzt nicht mehr so sehr wie früher. Außerdem haben sie auch gelernt, nun vom Glauben zu reden, über den sie doch früher gar nicht gepredigt haben. Sie lehren jetzt, dass wir vor Gott nicht allein aus Werken gerecht werden, sondern fügen den Glauben an Christus hinzu und sagen, dass Glaube und Werke uns vor Gott gerecht machen, welche Lehre etwas mehr Trost bringen mag, als wenn man allein lehrt, auf Werke zu vertrauen.

Weil nun die Lehre vom Glauben, die das Hauptstück im christlichen Wesen ist, lange Zeit - wie man bekennen muss - nicht betrieben worden ist, sondern überall allein die Lehre von den Werken gepredigt wurde, ist von den Unseren folgende Unterrichtung gegeben worden:

Erstlich, dass unsere Werke uns nicht mit Gott versöhnen und uns nicht Gnade erwerben können, sondern das geschieht allein durch den Glauben - wenn man nämlich glaubt, dass uns um Christi willen die Sünden vergeben werden, der allein der Mittler ist, um den Vater zu versöhnen. Wer nun meint, das durch Werke zu erreichen und dadurch Gnade zu verdienen, der verachtet Christus und sucht einen eigenen Weg zu Gott gegen das Evangelium.

Diese Lehre vom Glauben wird deutlich und klar bei Paulus vielerorts vertreten, besonders hier: "Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch, sondern Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich niemand rühme" (Eph 2,8) usw.

Dass hierdurch von uns kein neues Verständnis des Glaubens eingeführt worden ist, kann man aus Augustinus beweisen, der diese Sache ausführlich behandelt und ebenfalls lehrt, dass wir durch den Glauben an Christus Gnade erlangen und vor Gott gerecht werden und nicht durch Werke, wie sein ganzes Buch "Über den Geist und den Buchstaben" beweist.

Obwohl nun diese Lehre von nicht sachkundigen Leuten sehr verachtet wird, so zeigt sich doch, dass sie für schwache und erschrockene Gewissen sehr tröstlich und heilsam ist. Denn das Gewissen kann nicht durch Werke zu Ruhe und Frieden kommen, sondern allein durch den Glauben, wenn es bei sich mit Gewissheit schließt, dass es um Christi willen einen gnädigen Gott hat - wie auch Paulus sagt: "Weil wir durch den Glauben gerecht geworden sind, haben wir Ruhe und Frieden vor Gott" (Röm 5,1).[C]

Ferner wird gelehrt, dass gute Werke geschehen sollen und müssen, aber nicht, dass man darauf vertraut, durch sie Gnade zu verdienen, sondern um Gottes willen und zu Gottes Lob. Der Glaube ergreift immer nur die Gnade und die Vergebung der Sünde; und weil durch den Glauben der Heilige Geist gegeben wird, darum wird auch das Herz befähigt, gute Werke zu tun. Denn zuvor, weil es ohne den Heiligen Geist ist, ist es zu schwach; dazu befindet es sich in der Gewalt des Teufels, der die arme menschliche Natur zu vielen Sünden antreibt, wie wir's an den Philosophen sehen, die versucht haben, ehrlich und unsträflich zu leben, sie haben es aber dennoch nicht erreicht, sondern sind in viele große, offenkundige Sünden gefallen. So geht es mit dem Menschen, der ohne den rechten Glauben und ohne den Heiligen Geist lebt und sich allein aus eigener menschlicher Kraft regiert.

Deshalb ist diese Lehre vom Glauben nicht zu schelten, dass sie gute Werke verbiete, sondern vielmehr dafür zu rühmen, dass sie lehrt, gute Werke zu tun, und Hilfe anbietet, wie man zu guten Werken kommen kann. Denn außer dem Glauben und außerhalb von Christus ist menschliche Natur und Vermögen viel zu schwach, gute Werke zu tun, Gott anzurufen, im Leiden Geduld zu haben, den Nächsten zu lieben, befohlene Ämter fleißig auszurichten, gehorsam zu sein, böse Lust zu meiden usw. Solche hohen und rechten Werke können ohne die Hilfe Christi nicht geschehen, wie er selbst sagt: "Ohne mich könnt ihr nichts tun" (Joh 15,5).

Artikel 21 - Vom Dienst der Heiligen

Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf, gleichwie Kaiserliche Majestät seliglich und göttlich dem Beispiel Davids folgen soll, wenn er Krieg gegen die Türken führt; denn beide sind sie im königlichen Amt, das von ihnen Schutz und Schirm für ihre Untertanen fordert. Aus der Hl. Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. "Denn es ist nur ein einziger Versöhner und Mittler gesetzt zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus" (1.Tim 2,5). Er ist der einzige Heiland, der einzige Hohepriester, Gnadenstuhl und Fürsprecher vor Gott (Röm 8,34). Und er allein hat zugesagt, dass er unser Gebet erhören will. Nach der Hl. Schrift ist das auch der höchste Gottesdienst, dass man diesen Jesus Christus in allen Nöten und Anliegen von Herzen sucht und anruft: "Wenn jemand sündigt, haben wir einen Fürsprecher bei Gott, der gerecht ist, Jesus" (1.Joh 2,1) usw.

Abschluss des ersten Teils

Dies ist beinahe die Zusammenfassung der Lehre, die in unseren Kirchen zum rechten christlichen Unterricht und zum Trost der Gewissen sowie zur Besserung der Gläubigen gepredigt und gelehrt wird. Wie wir ja auch unsere eigene Seele und Gewissen nicht gern vor Gott durch Missbrauch des göttlichen Namens oder Wortes der höchsten Gefahr aussetzen oder unseren Kindern und Nachkommen eine andere Lehre hinterlassen oder vererben als eine solche, die dem reinen göttlichen Wort und der christlichen Wahrheit gemäß ist. Weil denn diese Lehre in der Heiligen Schrift klar begründet ist und außerdem der allgemeinen christlichen, ja auch der römischen Kirche, soweit das aus den Schriften der Kirchenväter festzustellen ist, nicht zuwider noch entgegen ist, meinen wir auch, dass unsere Gegner in den oben aufgeführten Artikeln mit uns nicht uneinig sind. Deshalb handeln diejenigen ganz unfreundlich, vorschnell und gegen alle christliche Einigkeit und Liebe, die die Unseren als Ketzer abzusondern, zu verwerfen und zu meiden suchen, ohne dass sie dafür einen triftigen Grund in einem göttlichen Gebot oder in der Schrift haben. Denn die Uneinigkeit und den Zank gibt es vor allem wegen einiger Traditionen und Missbräuche. Wenn denn nun an den Hauptartikeln kein vorfindlicher falscher Grund oder Mangel festzustellen ist und dies unser Bekenntnis göttlich und christlich ist, sollten sich die Bischöfe billigerweise, selbst wenn bei uns wegen der Tradition ein Mangel wäre, wohlwollender erweisen; obwohl wir hoffen, stichhaltige Gründe und Ursachen anführen zu können, warum bei uns einige Traditionen und Missbräuche abgeändert worden sind.

Der Zweite Teil des Augsburger Bekenntnisses behandelt Regelungen in der Kirche, die die Reformation als Missbräuche erkannt und dem Evangelium gemäß neu geordnet hat. Die Artikel sind überschrieben:

Artikel 22: Von den beiden Gestalten des Sakraments,

Artikel 23: Vom Ehestand der Priester,

Artikel 24: Von der Messe,

Artikel 25: Von der Beichte,

Artikel 26: Von der Unterscheidung der Speisen,

Artikel 27: Von Klostergelübden,

Artikel 28: Von der Gewalt (Vollmacht) der Bischöfe.

A) Hier werden wie an entsprechenden Stellen in den Artikeln 2, 5, 8, 9, 16, 17 und 18 - Beispiele aus der Alten Kirche oder der Reformationszeit genannt, auf die sich die Verwerfungen beziehen. Diese Verurteilungen wollen das Evangelium vor Entstellungen bewahren, richten sich aber nicht gegen den persönlichen Glauben bestimmter Menschen.

Das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer

Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.
[Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten
.]
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Dietrich Bonhoeffer

Stuttgarter Schuldbekenntnis von 1945

Erklärung des Rates der EKiD

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland begrüßt bei seiner Sitzung am 18. und 19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen.

Wir sind für diesen Besuch um so dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche, gehen sie daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen. Wir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit, dass Er unsere Kirchen als Sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, Sein Wort zu verkündigen und Seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und bei unserem ganzen Volk.

Dass wir uns bei diesem neuen Anfang mit den anderen Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft herzlich verbunden wissen dürfen, erfüllt uns mit tiefer Freude.

Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen, dem Geist der Macht und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.

So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator spiritus!

Stuttgart, den 19. Oktober 1945

Landesbischof D. Wurm
Landesbischof D. Meiser
Bischof D. Dr. Dibelius
Superintendent Hahn
Pastor Asmussen D. D.
Pastor Niemöller D. D.
Landesoberkirchenrat Dr. Lilje
Superintendent Held
Pastor Lic. Niesel
Dr. Dr. Heinemann.




Die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen

Die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen ist ein bedeutendes Lehrzeugnis des 20. Jahrhunderts. Entstanden in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, stellt sie den Versuch dar, angesichts staatlicher und kirchlicher Bedrohung verbindliche Aussagen über Wesen und Auftrag der Kirche festzuschreiben. Die Herrschaft des Staates über die Kirche und ihre ideologische Unterwanderung werden entschieden zurückgewiesen. Damit ist die Barmer Theologische Erklärung eines der wenigen Zeugnisse kirchlichen Widerstandes in jener Zeit. Sie gilt bis heute als schriftgemäße, für den Dienst der Kirche verbindliche Bezeugung des Evangeliums. In der Evangelisch-reformierten Kirche hat sie den Rang einer Bekenntnisschrift.

Wir bekennen uns angesichts der die Kirche verwüstenden und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche sprengenden Irrtümer der Deutschen Christen und der gegenwärtigen Reichskirchenregierung zu folgenden evangelischen Wahrheiten:

1. Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh 14,6)

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9)

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.

2. Durch Gott seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. (1.Kor 1,30)

Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.

3. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist. (Eph 4,15.16)

Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.

4. Jesus Christus spricht: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener. (Mt 20,25.26)

Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben oder geben lassen.

5. Fürchtet Gott, ehrt den König. (1.Petr 2,17)

Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.

6. Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,20)

Gottes Wort ist nicht gebunden. (2.Tim 2,9)

Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.

Die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche erklärt, dass sie in der Anerkennung dieser Wahrheiten und in der Verwerfung dieser Irrtümer die unumgängliche theologische Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche als eines Bundes der Bekenntniskirchen sieht. Sie fordert alle, die sich ihrer Erklärung anschließen können, auf, bei ihren kirchenpolitischen Entscheidungen dieser theologischen Erkenntnisse eingedenk zu sein. Sie bittet alle, die es angeht, in die Einheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zurückzukehren.
Verbum Dei manet in aeternum.

Der Heidelberger Katechismus
Leuenberger Konkordie von 1973

Inhalt:

Text der Leuenberger Konkordie von 1973
I. Der Weg zur Gemeinschaft
1. Gemeinsame Aspekte im Aufbruch der Reformation
2. Veränderte Voraussetzungen heutiger kirchlicher Situation
II. Das gemeinsame Verständnis des Evangeliums
1. Die Rechtfertigungsbotschaft als die Botschaft von der freien Gnade Gottes
2. Verkündigung, Taufe und Abendmahl
III. Die Übereinstimmung angesichts der Lehrverurteilungen der Reformationszeit
1. Abendmahl
2. Christologie
3. Prädestination
4. Folgerungen
IV. Erklärung der Verwirklichung der Kirchengemeinschaft
1. Erklärung der Kirchengemeinschaft
2. Verwirklichung der Kirchengemeinschaft

Einleitung
1. Die Bedeutung der Leuenberger Konkordie
2. Die Vorgeschichte
3. Die Verwirklichung der Gemeinschaft
4. Vollversammlungen und Weiterarbeit
Das Material für diese Konferenz war umfangreich:
Die Vorlagen wurden unterschiedlich rezipiert:
Für die Weiterarbeit wurden zwei Themen formuliert:
In Straßburg wurde zur Verwirklichung der Leuenberger Kirchengemeinschaft ein neues Kommunikationsverfahren verabredet:
5. Neue Impulse
6. Einheit in versöhnter Verschiedenheit

Text der Leuenberger Konkordie von 1973

1 Die dieser Konkordie zustimmenden lutherischen, reformierten und aus ihnen hervorgegangenen unierten Kirchen sowie die ihnen verwandten vorreformatorischen Kirchen der Waldenser und der Böhmischen Brüder stellen aufgrund ihrer Lehrgespräche unter sich das gemeinsame Verständnis des Evangeliums fest, wie es nachstehend ausgeführt wird. Dieses ermöglicht ihnen, Kirchengemeinschaft zu erklären und zu verwirklichen. Dankbar dafür, daß sie näher zueinander geführt worden sind, bekennen sie zugleich, daß das Ringen um Wahrheit und Einheit in der Kirche auch mit Schuld und Leid verbunden war und ist.

2 Die Kirche ist allein auf Jesus Christus gegründet, der sie durch die Zuwendung seines Heils in der Verkündigung und in den Sakramenten sammelt und sendet. Nach reformatorischer Einsicht ist darum zur wahren Einheit der Kirche die Übereinstimmung in der rechten Lehre des Evangeliums und in der rechten Verwaltung der Sakramente notwendig und ausreichend. Von diesen reformatorischen Kriterien leiten die beteiligten Kirchen ihr Verständnis von Kirchengemeinschaft her, das im folgenden dargelegt wird.





I. Der Weg zur Gemeinschaft

3 Angesichts wesentlicher Unterschiede in der Art des theologischen Denkens und des kirchlichen Handelns sahen sich die reformatorischen Väter um ihres Glaubens und Gewissens willen trotz vieler Gemeinsamkeiten nicht in der Lage, Trennungen zu vermeiden. Mit dieser Konkordie erkennen die beteiligten Kirchen an, daß sich ihr Verhältnis zueinander seit der Reformationszeit gewandelt hat.



1. Gemeinsame Aspekte im Aufbruch der Reformation

4 Aus dem geschichtlichen Abstand heraus läßt sich heute deutlicher erkennen, was trotz aller Gegensätze den Kirchen der Reformation in ihrem Zeugnis gemeinsam war: Sie gingen aus von einer neuen befreienden und gewißmachenden Erfahrung des Evangeliums. Durch das Eintreten für die erkannte Wahrheit sind die Reformatoren gemeinsam in Gegensatz zu kirchlichen Überlieferungen jener Zeit geraten. Übereinstimmend haben sie deshalb bekannt, daß Leben und Lehre an der ursprünglichen und reinen Bezeugung des Evangeliums in der Schrift zu messen sei. Übereinstimmend haben sie die freie und bedingungslose Gnade Gottes im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi für jeden, der dieser Verheißung glaubt, bezeugt. Übereinstimmend haben sie bekannt, daß Handeln und Gestalt der Kirche allein von dem Auftrag her zu bestimmen sind, dieses Zeugnis in der Welt aufzurichten, und daß das Wort des Herrn jeder menschlichen Gestaltung der christlichen Gemeinde überlegen bleibt. Dabei haben sie gemeinsam mit der ganzen Christenheit das in den altkirchlichen Symbolen ausgesprochene Bekenntnis zum dreieinigen Gott und der Gott-Menschheit Jesu Christi aufgenommen und neu bekannt.



2. Veränderte Voraussetzungen heutiger kirchliche

5 In einer vierhundertjährigen Geschichte haben die theologische Auseinandersetzung mit den Fragen der Neuzeit, die Entwicklung der Schriftforschung, die kirchlichen Erneuerungsbewegungen und der wiederentdeckte ökumenische Horizont die Kirchen der Reformation zu neuen, einander ähnlichen Formen des Denkens und Lebens geführt. Sie brachten freilich auch neue, quer durch die Konfessionen verlaufende Gegensätze mit sich. Daneben wurde immer wieder, besonders in Zeiten gemeinsamen Leidens, brüderliche Gemeinschaft erfahren. All dies veranlaßte die Kirchen in neuer Weise, das biblische Zeugnis wie die reformatorischen Bekenntnisse, vor allem seit den Erweckungsbewegungen, für die Gegenwart zu aktualisieren. Auf diesen Wegen haben sie gelernt, das grundlegende Zeugnis der reformatorischen Bekenntnisse von ihren geschichtlich bedingten Denkformen zu unterscheiden. Weil die Bekenntnisse das Evangelium als das lebendige Wort Gottes in Jesus Christus bezeugen, schließen sie den Weg zu dessen verbindlicher Weiterbezeugung nicht ab, sondern eröffnen ihn und fordern auf, ihn in der Freiheit des Glaubens zu gehen.





II. Das gemeinsame Verständnis des Evangeliums

6 Im folgenden beschreiben die beteiligten Kirchen ihr gemeinsames Verständnis des Evangeliums, soweit es für die Begründung einer Kirchengemeinschaft erforderlich ist.



1. Die Rechtfertigungsbotschaft als die Botschaft

7 Das Evangelium ist die Botschaft von Jesus Christus, dem Heil der Welt, in Erfüllung der an das Volk des Alten Bundes ergangenen Verheißung.

8 a) Sein rechtes Verständnis haben die reformatorischen Väter in der Lehre von der Rechtfertigung zum Ausdruck gebracht.

9 b) In dieser Botschaft wird Jesus Christus bezeugt als der Menschgewordene, in dem Gott sich mit dem Menschen verbunden hat;
als der Gekreuzigte und Auferstandene, der das Gericht Gottes auf sich genommen und darin die Liebe Gottes zum Sünder erwiesen hat, und
als der Kommende, der als Richter und Retter die Welt zur Vollendung führt.

10 c) Gott ruft durch sein Wort im Heiligen Geist alle Menschen zu Umkehr und Glauben und spricht dem Sünder, der glaubt, seine Gerechtigkeit in Jesus Christus zu. Wer dem Evangelium vertraut, ist um Christi willen gerechtfertigt vor Gott und von der Anklage des Gesetzes befreit. Er lebt in täglicher Umkehr und Erneuerung zusammen mit der Gemeinde im Lobpreis Gottes und im Dienst am anderen in der Gewißheit, daß Gott seine Herrschaft vollenden wird. So schafft Gott neues Leben und setzt inmitten der Welt den Anfang einer neuen Menschheit.

11 d) Diese Botschaft macht die Christen frei zu verantwortlichem Dienst in der Welt und bereit, in diesem Dienst auch zu leiden. Sie erkennen, daß Gottes fordernder und gebender Wille die ganze Welt umfaßt. Sie treten ein für irdische Gerechtigkeit und Frieden zwischen den einzelnen Menschen und unter den Völkern. Dies macht es notwendig, daß sie mit anderen Menschen nach vernünftigen, sachgemäßen Kriterien suchen und sich an ihrer Anwendung beteiligen. Sie tun dies im Vertrauen darauf, daß Gott die Welt erhält, und in Verantwortung vor seinem Gericht.

12 e) Mit diesem Verständnis des Evangeliums stellen wir uns auf den Boden der altkirchlichen Symbole und nehmen die gemeinsame Überzeugung der reformatorischen Bekenntnisse auf, daß die ausschließliche Heilsmittlerschaft Jesu Christi die Mitte der Schrift und die Rechtfertigungsbotschaft als die Botschaft von der freien Gnade Gottes Maßstab aller Verkündigung der Kirche ist.





2. Verkündigung, Taufe und Abendmahl

13 Das Evangelium wird uns grundlegend bezeugt durch das Wort der Apostel und Propheten in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments. Die Kirche hat die Aufgabe, dieses Evangelium weiterzugeben durch das mündliche Wort der Predigt, durch den Zuspruch an den einzelnen und durch Taufe und Abendmahl. In der Verkündigung, Taufe und Abendmahl ist Jesus Christus durch den Heiligen Geist gegenwärtig. So wird den Menschen die Rechtfertigung in Christus zuteil, und so sammelt der Herr seine Gemeinde. Er wirkt dabei in vielfältigen Ämtern und Diensten und im Zeugnis aller Glieder seiner Gemeinde.

14 a) Taufe

Die Taufe wird im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes mit Wasser vollzogen. In ihr nimmt Jesus Christus den der Sünde und dem Sterben verfallenen Menschen unwiderruflich in seine Heilsgemeinschaft auf, damit er eine neue Kreatur sei. Er beruft ihn in der Kraft des Heiligen Geistes in seine Gemeinde und zu einem Leben aus Glauben, zur täglichen Umkehr und Nachfolge.

15 b) Abendmahl

Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. Er gewährt uns dadurch Vergebung der Sünden und befreit uns zu einem neuen Leben aus Glauben. Er läßt uns neu erfahren, daß wir Glieder an seinem Leibe sind. Er stärkt uns zum Dienst an den Menschen.

16 Wenn wir das Abendmahl feiern, verkündigen wir den Tod Christi, durch den Gott die Welt mit sich selbst versöhnt hat. Wir bekennen die Gegenwart des auferstandenen Herrn unter uns. In der Freude darüber, daß der Herr zu uns gekommen ist, warten wir auf seine Zukunft in Herrlichkeit.



III. Die Übereinstimmung angesichts der Lehrverur

17 Die Gegensätze, die von der Reformationszeit an eine Kirchengemeinschaft zwischen den lutherischen und reformierten Kirchen unmöglich gemacht und zu gegenseitigen Verwerfungsurteilen geführt haben, betrafen die Abendmahlslehre, die Christologie und die Lehre von der Prädestination. Wir nehmen die Entscheidung der Väter ernst, könne aber heute folgendes gemeinsam dazu sagen:



1. Abendmahl

18 Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. So gibt er sich selbst vorbehaltlos allen, die Brot und Wein empfangen; der Glaube empfängt das Mahl zum Heil, der Unglaube zum Gericht.
19 Die Gemeinschaft mit Jesus Christus in seinem Leib und Blut können wir nicht vom Akt des Essens und Trinkens trennen. Ein Interesse an der Art der Gegenwart Christi im Abendmahl, das von dieser Handlung absieht, läuft Gefahr, den Sinn des Abendmahls zu verdunkeln.

20 Wo solche Übereinstimmung zwischen Kirchen besteht, betreffen die Verwerfungen der reformatorischen Bekenntnisse nicht den Stand der Lehre dieser Kirchen.

2. Christologie

21 In dem wahren Menschen Jesus Christus hat sich der ewige Sohn und damit Gott selbst zum Heil in die verlorene Menschheit hineingegeben. Im Verheißungswort und Sakrament macht der Heilige Geist und damit Gott selbst uns Jesus als Gekreuzigten und Auferstandenen gegenwärtig.

22 Im Glauben an diese Selbsthingabe Gottes in seinem Sohn sehen wir uns angesichts der geschichtlichen Bedingtheit überkommener Denkformen vor die Aufgabe gestellt, neu zur Geltung zu bringen, was die reformierte Tradition in ihrem besonderen Interesse an der Unversehrtheit von Gottheit und Menschheit Jesu und was die lutherische Tradition in ihrem besonderen Interesse an seiner völligen Personeinheit geleitet hat.

23 Angesichts dieser Sachlage können wir heute die früheren Verwerfungen nicht nachvollziehen.



3. Prädestination

24 Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiß sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden.

25 Der Glaube macht zwar die Erfahrung, daß die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluß Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.

26 Wo solche Übereinstimmung zwischen Kirchen besteht, betreffen die Verwerfungen der reformatorischen Bekenntnisse nicht den Stand der Lehre dieser Kirchen.



4. Folgerungen

27 Wo diese Feststellungen anerkannt werden, betreffen die Verwerfungen der reformatorischen Bekenntnisse zum Abendmahl, zur Christologie und zur Prädestination den Stand der Lehre nicht. Damit werden die von den Vätern vollzogenen Verwerfungen nicht als unsachgemäß bezeichnet, sie sind jedoch kein Hindernis mehr für die Kirchengemeinschaft.

28 Zwischen unseren Kirchen bestehen beträchtliche Unterschiede in der Gestaltung des Gottesdienstes, in den Ausprägungen der Frömmigkeit und in den kirchlichen Ordnungen. Diese Unterschiede werden in den Gemeinden oft stärker empfunden als die überkommenen Lehrgegensätze. Dennoch vermögen wir nach dem Neuen Testament und den reformatorischen Kriterien der Kirchengemeinschaft in diesen Unterschieden keine kirchentrennenden Faktoren zu erblicken.



IV. Erklärung der Verwirklichung der Kirchengemei

29 Kirchengemeinschaft im Sinne dieser Konkordie bedeutet, daß Kirchen verschiedenen Bekenntnisstandes aufgrund der gewonnenen Übereinstimmung im Verständnis des Evangeliums einander Gemeinschaft an Wort und Sakrament gewähren und eine möglichst große Gemeinsamkeit in Zeugnis und Dienst an der Welt erstreben.

1. Erklärung der Kirchengemeinschaft

30 Mit der Zustimmung zu der Konkordie erklären die Kirchen in der Bindung an die sie verpflichtenden Bekenntnisse oder unter Berücksichtigung ihrer Traditionen:

31 a) Sie stimmen im Verständnis des Evangeliums, wie es in den Teilen II und III Ausdruck gefunden hat, überein.

32 b) Die in den Bekenntnisschriften ausgesprochenen Lehrverurteilungen betreffen entsprechend den Feststellungen des Teils III nicht den gegenwärtigen Stand der Lehre der zustimmenden Kirchen.

33 c) Sie gewähren einander Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Das schließt die gegenseitige Anerkennung der Ordination und die Ermöglichung der Interzelebration ein.

34 Mit diesen Feststellungen ist Kirchengemeinschaft erklärt. Die dieser Gemeinschaft seit dem 16. Jahrhundert entgegenstehenden Trennungen sind aufgehoben. Die beteiligten Kirchen sind der Überzeugung, daß sie gemeinsam an der einen Kirche Jesu Christi teilhaben und daß der Herr sie zum gemeinsamen Dienst befreit und verpflichtet.



2. Verwirklichung der Kirchengemeinschaft

35 Die Kirchengemeinschaft verwirklicht sich im Leben der Kirchen und Gemeinden. Im Glauben an die einigende Kraft des Heiligen Geistes richten sie ihr Zeugnis und ihren Dienst gemeinsam aus und bemühen sich um die Stärkung und Vertiefung der gewonnenen Gemeinschaft.

36 a) Zeugnis und Dienst
Die Verkündigung der Kirchen gewinnt in der Welt an Glaubwürdigkeit, wenn sie das Evangelium in Einmütigkeit bezeugen. Das Evangelium befreit und verbindet die Kirchen zum gemeinsamen Dienst. Als Dienst der Liebe gilt er dem Menschen mit seinen Nöten und sucht deren Ursachen zu beheben. Die Bemühung um Gerechtigkeit und Frieden in der Welt verlangt von den Kirchen zunehmend die Übernahme gemeinsamer Verantwortung.

37 b) Theologische Weiterarbeit
Die Konkordie läßt die verpflichtende Geltung der Bekenntnisse in den beteiligten Kirchen bestehen. Sie versteht sich nicht als ein neues Bekenntnis. Sie stellt eine im Zentralen gewonnene Übereinstimmung dar, die Kirchengemeinschaft zwischen Kirchen verschiedenen Bekenntnisstandes ermöglicht. Die beteiligten Kirchen lassen sich bei der gemeinsamen Ausrichtung von Zeugnis und Dienst von dieser Übereinstimmung leiten und verpflichten sich zu kontinuierlichen Lehrgesprächen untereinander.

38 Das gemeinsame Verständnis des Evangeliums, auf dem die Kirchengemeinschaft beruht, muß weiter vertieft, am Zeugnis der Heiligen Schrift geprüft und ständig aktualisiert werden.

39 Es ist Aufgabe der Kirchen, an Lehrunterschieden, die in und zwischen den beteiligten Kirchen bestehen, ohne als kirchentrennend zu gelten, weiterzuarbeiten. Dazu gehören:
hermeneutische Fragen im Verständnis der Schrift, Bekenntnis und Kirche,
Verhältnis von Gesetz und Evangelium,
Taufpraxis,
Amt und Ordination,
Zwei-Reiche-Lehre und Lehre von der Königsherrschaft Jesu Christi,
Kirche und Gesellschaft.
Zugleich sind auch Probleme aufzunehmen, die sich im Hinblick auf Zeugnis und Dienst, Ordnung und Praxis neu ergeben.

40 Aufgrund ihres gemeinsamen Erbes müssen die reformatorischen Kirchen sich mit den Tendenzen theologischer Polarisierung auseinandersetzen, die sich gegenwärtig abzeichnen. Die damit verbundenen Probleme greifen zum Teil weiter als die Lehrdifferenzen, die einmal den lutherisch-reformierten Gegensatz begründet haben.

41 Es wird Aufgabe der gemeinsamen theologischen Arbeit sein, die Wahrheit des Evangeliums gegenüber Entstellungen zu bezeugen und abzugrenzen.

42 c) Organisatorische Folgerungen
Durch die Erklärung der Kirchengemeinschaft werden kirchenrechtliche Regelungen von Einzelfragen zwischen den Kirchen und innerhalb der Kirchen nicht vorweggenommen. Die Kirchen werden jedoch bei diesen Regelungen die Konkordie berücksichtigen.

43 Allein gilt, daß die Erklärung der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und die gegenseitige Anerkennung der Ordination die in den Kirchen geltenden Bestimmungen für die Anstellung im Pfarramt, die Ausübung des pfarramtlichen Dienstes und die Ordnungen des Gemeindelebens nicht beeinträchtigen.

44 Die Frage eines organisatorischen Zusammenschlusses einzelner beteiligter Kirchen kann nur in der Situation entschieden werden, in der diese Kirchen leben. Bei der Prüfung dieser Frage sollten folgende Gesichtspunkte beachtet werden:

45 Eine Vereinheitlichung, die die lebendige Vielfalt der Verkündigungsweisen, des gottesdienstlichen Lebens, der kirchlichen Ordnung und der diakonischen wie gesellschaftlichen Tätigkeit beeinträchtigt, würde dem Wesen der mit dieser Erklärung eingegangenen Kirchengemeinschaft widersprechen. Andererseits kann aber in bestimmten Situationen der Dienst der Kirche um des Sachzusammenhanges von Zeugnis und Ordnung willen rechtliche Zusammenschlüsse nahelegen. Werden organisatorische Konsequenzen aus der Erklärung der Kirchengemeinschaft gezogen, so darf die Entscheidungsfreiheit der Minoritätskirchen nicht beeinträchtigt werden.

46 d) Ökumenische Aspekte
Indem die beteiligten Kirchen unter sich Kirchengemeinschaft erklären und verwirklichen, handeln sie aus der Verpflichtung heraus, der ökumenischen Gemeinschaft aller christlichen Kirchen zu dienen.

47 Sie verstehen eine solche Kirchengemeinschaft im europäischen Raum als einen Beitrag auf dieses Ziel hin. Sie erwarten, daß die Überwindung ihrer bisherigen Trennung sich auf die ihnen konfessionell verwandten Kirchen in Europa und in anderen Kontinenten auswirken wird, und sind bereit, mit ihnen zusammen die Möglichkeit von Kirchengemeinschaft zu erwägen.

48 Diese Erwartung gilt ebenfalls für das Verhältnis des Lutherischen Weltbundes und des Reformierten Weltbundes zueinander.

49 Ebenso hoffen sie, daß die Kirchengemeinschaft der Begegnung und Zusammenarbeit mit Kirchen anderer Konfessionen einen neuen Anstoß geben wird. Sie erklären sich bereit, die Lehrgespräche in diesen weiteren Horizont zu stellen.
Einleitung


1. Die Bedeutung der Leuenberger Konkordie

Vor zwanzig Jahren, vom 12. - 16. März 1973, wurde auf dem Leuenberg bei Basel der endgültige Text der Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa (Leuenberger Konkordie = LK) erarbeitet und den beteiligten Kirchen übergeben. Damit wurde die Kirchengemeinschaft zwischen den lutherischen, reformierten und den aus ihnen hervorgegangenen unierten Kirchen sowie den ihnen verwandten vorreformatorischen Kirchen der Waldenser und der Böhmischen Brüder ermöglicht. Kirchengemeinschaft im Sinne der Leuenberger Konkordie bedeutet:
- gemeinsames Verständnis des Evangeliums im Sinne der Abschnitte II und III der Konkordie;
- Feststellung, daß die in den Bekenntnisschriften ausgesprochenen Lehrverurteilungen nicht
den gegenwärtigen Stand der Lehre der zustimmenden Kirchen betreffen;- Gewährung der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft unter Einschluß der gegenseitigen
Anerkennung der Ordination.

"Die beteiligten Kirchen sind der Überzeugung, daß sie gemeinsam an der einen Kirche Jesu Christi teilhaben und daß der Herr sie zum gemeinsamen Dienst befreit und verpflichtet" (LK, Ziff. 34). "Im Glauben an die einigende Kraft des Heiligen Geistes richten sie ihr Zeugnis und ihren Dienst gemeinsam aus und bemühen sich um die Stärkung und Vertiefung der gewonnenen Gemeinschaft" (LK, Ziff. 35).



2. Die Vorgeschichte

Mit dem Text von 1973 war ein langer Weg von Lehrgesprächen, insbesondere zwischen lutherischen und reformierten Kirchen, zum Abschluß gebracht worden, der seinen Anfang gleich nach dem Zweiten Weltkrieg nahm und bei dem verschiedene Strömungen und Impulse zusammenliefen. Elisabeth Schieffer hat das im einzelnen in ihrer sorgfältigen Untersuchung "Von Schauenburg nach Leuenberg" (Paderborn 1983) zur Darstellung gebracht. Dabei sind jene Impulse hervorzuheben, die vom Weltrat der Kirchen bzw. der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung ausgingen und die die Gespräche der Jahre 1955 - 1960 prägten. Eine zweite Gesprächsphase, die Schauenburger Gespräche von 1964 - 1967, war durch eine starke Beteiligung des Lutherischen und des Reformierten Weltbundes geprägt. Zu einer dritten Gesprächsrunde luden schließlich die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung und die beiden Weltbünde gemeinsam ab 1969 auf den Leuenberg ein. Aus diesen Gesprächen ergab sich die Möglichkeit, eine Konkordie zu erarbeiten, die dann von den Kirchen angenommen und durch die Kirchengemeinschaft zwischen den beteiligten Kirchen in Europa hergestellt werden sollte.
Die hier beschriebene Entwicklung wird durch eine Reihe weiterer Aspekte ergänzt:
- Seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland die Zusammenführung refor-
matorischer Gemeinden unterschiedlichen Bekenntnisstandes in Kirchenunionen.
- Der Kirchenkampf in Deutschland hatte lutherische, reformierte und unierte Kirchen zu einem
gemeinsamen Zeugnis zusammengeführt, das 1934 in der Barmer Theologischen Erklärung seinen herausragenden Ausdruck fand.
- Bereits 1947 wurde von der 2. Kirchenversammlung in Treysa/Deutschland ein "verbindliches
theologisches Gespräch über die Lehre vom Heiligen Abendmahl im Hinblick auf die kirchliche Gemeinschaft" angeregt. Insgesamt fanden von 1947 - 1957 sechs Gespräche statt, an deren Ende die Arnoldshainer Abendmahlsthesen verabschiedet wurden, die freilich noch keine Auswirkung auf die kirchliche Praxis hatten.

- 1968 - 1970 wurden im Bereich der evangelischen Kirchen in Deutschland lutherisch-reformierte Gespräche geführt, deren Ergebnis die "Thesen zur Kirchengemeinschaft" vom 4. Mai 1970 waren und die ihren Ausgang im Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses nahmen.

Die Leuenberger Konkordie ist also das Ergebnis einer komplexen Entwicklung, deren einzelne Elemente wohl innerlich zusammengehörten, z. T. aber unabhängig voneinander entstanden sind und erst durch die Konkordie selbst zu einem großen Ganzen zusammengeführt wurden. Es mag mit an dieser breit angelegten Entstehung der Leuenberger Konkordie gelegen haben, daß diese, als sie 1973 den Kirchen zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, die rasche Zustimmung so vieler Kirchen fand. Bis Ende April 1976 hatten 69 von 88 Kirchen ihre Zustimmungserklärung bei der Abteilung für Glauben und Kirchenverfassung hinterlegt (Marc Lienhard, Zeugnis und Dienst, S. 25).



3. Die Verwirklichung der Gemeinschaft

Die Leuenberger Konkordie ist inzwischen von 81 Kirchen unterzeichnet worden, darunter auch drei lateinamerikanischen Kirchen, die durch ihre Geschichte besondere Beziehungen zu den europäischen Kirchen hatten. Die nordischen lutherischen Kirchen haben die Konkordie nicht unterzeichnet, anerkennen sie jedoch faktisch und haben sich von Anfang an an der Fortsetzungsarbeit beteiligt. Daß diese Kirchen die Konkordie nicht unterzeichnet haben, hat einerseits formale Gründe: Die staatskirchenrechtliche Lage in den meisten dieser Kirchen steht der förmlichen Unterzeichnung im Wege. Darüber hinaus aber scheint es auch so, daß in diesen Kirchen auch theologische Vorbehalte gegenüber der Konkordie bestehen, weil durch sie die volle Kirchengemeinschaft gewährt wird und Einheit der Kirche nicht als ein Prozeß des Zusammenwachsens zur vollen Kirchengemeinschaft hin verstanden wird. Dabei mögen die besonderen Beziehungen der nordischen Kirchen zur Kirche von England eine Rolle spielen, in die übrigens auch die baltischen lutherischen Kirchen einbezogen sind, die freilich die Konkordie unterzeichnet haben.

Die Liste der Unterzeichnerkirchen macht deutlich, daß Kirchen aus allen Regionen Europas an der Kirchengemeinschaft aufgrund der Leuenberger Konkordie beteiligt sind. Darin liegt ein bedeutender Beitrag dieses Dokuments zur Ökumene der reformatorischen Kirchen in Europa, insbesondere in der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und im Weltrat der Kirchen: Innerhalb dieser Zusammenschlüsse ist eine beachtliche Zahl von Mitgliedskirchen regional in einer Kirchengemeinschaft verbunden, die die Konfessionsgrenzen respektiert und überschreitet und die ihren praktischen Vollzug findet in der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Darin dienen die beteiligten Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft aller christlichen Kirchen (LK, Ziff. 46) und verstehen ihre Kirchengemeinschaft als einen Beitrag auf dieses Ziel hin (LK, Ziff. 47).

Die Straßburger Vollversammlung der an der Leuenberge Konkordie beteiligten Kirchen (1987) hat in ihren Beschlüssen (Konkordie und Ökumene, Beschlüsse, Abschnitt VII, S. 151) die Notwendigkeit unterstrichen, Abmachungen, die einzelne an der Konkordie beteiligte Kirchen mit anderen Kirchen getroffen haben, im Blick auf ihre Bedeutung für die Gesamtheit der Leuenberger Kirchengemeinschaft auszuwerten. Dabei ging es um Abmachungen, z. B. mit der Evangelisch-methodistischen Kirche, der Kirche von England und der alt-katholischen Kirche. Eine Übersicht über die Gespräche von Vereinbarungen zwischen evangelischen Kirchen in Europa enthält die verdienstvolle Dokumentation "Wachsende Kirchengemeinschaft" von Cornelia Nussberger (Bern 1982). Als Mitgliedskirchen des Lutherischen bzw. Reformierten Weltbundes sind die meisten der an der Leuenberger Konkordie beteiligten Kirchen im übrigen in Dialoge, z. B. mit der römisch-katholischen Kirche, mit der anglikanischen Gemeinschaft, mit orthodoxen Kirchen, einbezogen. Die Leuenberger Gemeinschaft will solchen Dialogen nicht im Wege stehen, sie ist offen für Partizipation und prüft, ob regionale Lehrgesprächsergebnisse für die gesamte Gemeinschaft der an der Konkordie beteiligten Kirchen fruchtbar gemacht werden können.



4. Vollversammlungen und Weiterarbeit

Kirchengemeinschaft im Sinne der Leuenberger Konkordie wird ermöglicht durch das gemeinsame Verständnis des Evangeliums und hat ihre Gestalt in der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zwischen den beteiligten Kirchen. Mit der Verabschiedung der Konkordie waren jene Lehrunterschiede erledigt, die in der Vergangenheit als kirchentrennend gegolten hatten. Das betraf das Verständnis des Evangeliums als Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders, Christologie, Taufe, Abendmahl und die Lehre von der Prädestination. Andere Lehrunterschiede wurden als nicht kirchentrennend angesehen, die Weiterarbeit an ihnen aber den Kirchen zur Aufgabe gemacht (LK, Ziff. 38). Für die Weiterarbeit wurde bereits auf der Versammlung vom 12. - 16. März 1973 auf dem Leuenberg ein Fortsetzungsausschuß eingesetzt, der die beteiligten Kirchen zu einer ersten Vollversammlung einlud, die vom 10. - 16. Juni 1976 in Sigtuna/Schweden stattfand. Auf dieser Vollversammlung wurden drei wichtige Festlegungen vorgenommen, die die Arbeit für die nächste Dekade prägten:

- Die Vollversammlung formulierte aus dem Themenkatalog in Ziff. 39 der Konkordie die Themen für weitere Lehrgespräche:
1) Zwei-Reiche-Lehre und die Lehre von der Königsherrschaft Jesu Christi,
2) Amt - Ämter - Dienste - Ordination.

- Die Gespräche sollten zunächst nicht auf europäischer Ebene, sondern "in regionalen Gruppierungen, die eine engere Nachbarschaft und einen intensiveren Austausch ermöglichen", geführt werden. Bei der Zusammensetzung der Gruppen sollten Minderheits- und Mehrheitskirchen sowie Kirchen unterschiedlicher konfessioneller Tradition und in verschiedenen gesellschaftlichen Situationen in Austausch miteinander treten und zusammenarbeiten.

- Es wurde ein Koordinierungsausschuß gebildet.

Damit war eine Struktur der Arbeit beschrieben, die mit einem Minimum an administrativem Aufwand einen hohen Beteiligungsgrad der einzelnen Kirchen ermöglicht.

Der gesamtökumenische Horizont dieser ersten Vollversammlung der Leuenberger Gemeinschaft in Sigtuna wurde dadurch unterstrichen, daß an ihr wie auch an künftigen Versammlungen Beobachter orthodoxer Kirchen, der römisch-katholischen, der anglikanischen und der methodistischen Kirche teilnahmen.

Im Anschluß an die Vollversammlung in Sigtuna wurden fünf Regionalgruppen gebildet (Amsterdam, Kopenhagen, Straßburg, Südosteuropa, Berlin), deren Arbeitsergebnisse auf der 2. Vollversammlung der an der Leuenberger Konkordie beteiligten Kirchen, die vom 18. - 24. Februar 1981 in Driebergen/Niederlande stattfand, vorgelegt wurden. Die Versammlung hat das Arbeitsergebnis zum Thema "Zwei-Reiche-Lehre und die Lehre von der Königsherrschaft Jesu Christi" bestätigt und die beteiligten Kirchen gebeten, "bei ihren Entscheidungen die Lehre von den zwei Reichen und die von der Königsherrschaft Christi in der beschriebenen Weise aufeinander zu beziehen".

Schwieriger gestaltete sich die Rezeption der Arbeitsergebnisses zu dem Bereich "Amt - Ämter - Dienste - Ordination". Die Versammlung hat Aufträge zur weiteren Arbeit an diesem Thema gemacht, hat sich aber zugleich die Feststellung der beiden Regionalgruppen, die sich mit dem Thema befaßt hatten, daß die vorhandenen Lehrunterschiede keinen kirchentrennenden Charakter haben, zu eigen gemacht. Als weitere Themen für die Weiterarbeit wurden genannt: Gemeinsames Friedenszeugnis, Verhältnis von Gesetz und Evangelium und Taufpraxis.
Die Versammlung von Driebergen hat schließlich einen Brief an den Lutherischen und Reformierten Weltbund verabschiedet, in dem diese gebeten wurden, "ihre Mitgliedskirchen in anderen Regionen anzuregen, die Erfahrungen der Kirchen der Leuenberger Konkordie anzunehmen" (Konkordie und Kirchengemeinschaft, S. 111 und 121).

Vom 18. - 24. März 1987 fand in Straßburg/Frankreich die 3. Vollversammlung der an der Leuenberger Konkordie beteiligten Kirchen statt. Ihre Aufgabe war es wiederum, die Arbeitsergebnisse der Regionalgruppen zu beraten und Entscheidungen für die Weiterarbeit zu treffen.



Das Material für diese Konferenz war umfangreich:

- Die Regionalgruppe "Berlin" legte Kriterien für die Arbeit mit den Lima-Erklärungen zu "Taufe- Eucharistie- Amt" und eine Untersuchung über die "Beziehungen der reformatorischen Kirchen zur weltweiten Ökumene" vor.

- Die Regionalgruppe "Südosteuropa" legte ein Papier zur Taufpraxis vor.

- Die Regionalgruppe "Kopenhagen" hatte die verschiedenen Vorlagen zu Amt und Ordination überarbeitet (Neuendettelsauer Thesen und Tampere-Thesen).

- Die Regionalgruppe "Amsterdam" berichtete über "Christsein in der Welt von heute" und behandelte dabei auch die Thematik "Gesetz und Evangelium".



Die Vorlagen wurden unterschiedlich rezipiert:

- Der Text zur Praxis der Taufe wurde entgegengenommen. Bis zur nächsten Vollversammlung soll durch den Exekutivausschuß ein Text festgestellt werden, über den diese dann beschließen kann.

- Die Neuendettelsauer Thesen wurden angenommen. Sie sollen "Basis und Hilfe sein für kommende ökumenische Gespräche". Die in ihnen dokumentierte Übereinstimmung sollte auch in bilateralen Dialogen nicht wieder in Frage gestellt werden.

- Die Tampere-Thesen wurden als hilfreicher Impuls zur Weiterarbeit entgegengenommen.

- Auch der Bericht über "Christsein in der Welt von heute" wurde von der Versammlung entgegengenommen.



Für die Weiterarbeit wurden zwei Themen formuliert

1. Kennzeichen der Kirche als der von Jesus Christus berufenen und gesandten Gemeinschaft - der reformatorische Beitrag zum ökumenischen Dialog über die kirchliche Einheit,

2. Das christliche Zeugnis von der Freiheit.



In Straßburg wurde zur Verwirklichung der Leuenber

Die Vollversammlung wird von den beteiligten Kirchen beschickt. Sie findet etwa alle sechs Jahre statt und bestimmt die Grundlinien der Arbeit, sie berät über den Stand der Gemeinschaft und gibt Impulse für die Weiterarbeit. Sie wählt den zwölfköpfigen Exekutivausschuß.
Der Exekutivausschuß unterstützt die gemeinsamen Bemühungen um Zeugnis und Dienst, koordiniert die Lehrgespräche, leitet zur Beachtung der ökumenischen Aspekte im Sinne von LK, Ziff. 46-48 an, wertet die Erfahrungen einzelner beteiligter Kirchen in bilateralen und multilateralen Dialogen und informiert über den Vollzug von Kirchengemeinschaft mit Nichtunterzeichnerkirchen. Er fördert die Verbindung zur KEK, zum ÖRK und zu den weltweiten christlichen Gemeinschaften. Er beruft den Sekretär und regelt die Arbeit des Sekretariats.

Damit wurde eine Arbeitsstruktur geschaffen, die sich auf das Notwendige beschränkte, ohne daß eine Organisation entstanden ist, die neben die bereits vorhandenen Zusammenschlüsse wie die KEK, den ÖRK oder die Weltbünde getreten wäre. Kennzeichnend dafür ist, daß es keine Mitgliedschaft im Sinne zugehöriger Kirchen gibt und dementsprechend auch keine Satzung oder gar Verfassung, sondern beteiligte Kirchen, die sich auf ein bestimmtes Kommunikationsverfahren verabredet haben. Die Basis der Leuenberger Gemeinschaft bleibt die gegenseitige Gewährung der Kirchengemeinschaft und auf dieser Basis die Weiterarbeit an jeweils festzulegenden Lehrfragen. Damit ist die Straßburger Versammlung bei dem geblieben, was in Driebergen formuliert wurde: "... daß die institutionelle Schwäche der Leuenberger Gemeinschaft ihr die notwendige Freiheit erhält, gestellte Aufgaben organisatorisch flexibel wahrzunehmen" (Konkordie und Kirchengemeinschaft, S. 112).

Mit diesen Verabredungen hat die Straßburger Vollversammlung aber auch eine Antwort auf die im Vorfeld dieser Versammlung gestellte Frage gegeben, ob es nach dieser Versammlung überhaupt noch eine Fortsetzung der Arbeit geben solle. Diese Frage wurde besonders von den ostdeutschen Kirchen gestellt, die die eigentliche Aufgabe der Konkordie mit der Herstellung der Kirchengemeinschaft zwischen den beteiligten Kirchen als erledigt ansehen und in der bisherigen Arbeit keinen darüber hinausgehenden Fortschritt erkennen konnten. Konsequenterweise stimmten sie einer Beteiligung an der in Straßburg beschlossenen Weiterarbeit nur mit einem zeitlichen Vorbehalt zu.

Es waren besonders die Kirchen in einer Minderheitensituation, denen an einer Weitergabe ohne größeren organisatorischen Aufwand gelegen war. Sie hatten speziell in der Südeuropagruppe eine Möglichkeit nicht nur gemeinsamer theologischer Arbeit, sondern auch des Austausches über ihre Situation und der inneren Stärkung gefunden. Deswegen blieb diese Gruppe als solche auch zusammen, als nach der Straßburger Vollversammlung die Arbeit nicht mehr in Regionalgruppen, sondern in Projektgruppen festgesetzt wurde, die sich entsprechend den beiden von der Vollversammlung formulierten Themen bildeten. Die Veränderung der politischen Situation in Osteuropa hätte es diesen Kirchen ermöglicht, sich einer der beiden Projektgruppen anzuschließen. Die neue Situation machte aber auch eine neue Orientierung dieser Kirchen im Verhältnis zu den größeren Kirchen und im veränderten gesellschaftlichen Kontext erforderlich, so daß der Wunsch nach einer Fortsetzung der bewährten Gemeinschaft dominierte.

Der in Straßburg gewählte Exekutivausschuß hat inzwischen zur 4. Vollversammlung der an der Leuenberger Konkordie beteiligten Kirchen eingeladen, die unter dem Thema "Wachsende Gemeinschaft in Zeugnis und Dienst - reformatorische Kirchen in Europa" vom 3. - 10. Mai 1994 in Wien stattfinden soll.



5. Neue Impulse

Neue Impulse für die Weiterarbeit sind von der Evangelischen Versammlung (23. - 30. März 1992) in Budapest ausgegangen. Bereits bei der vorbereitenden Tagung im August 1991 in Basel war deutlich geworden, daß die Leuenberger Konkordie ein wichtiges Instrument für die Integration der evangelischen Kirchen in Europa sein könnte. Die Notwendigkeit zu einer solchen Integration ergab sich einerseits aus der wachsenden politischen Gemeinschaft Europas, zum anderen auch aus dem Wunsch nach mehr Gemeinschaft unter den evangelischen Kirchen nach den politischen Veränderungen im Osten Europas. Die gerade in Osteuropa gestärkte Position der römisch-katholischen Kirche wurde als eine Herausforderung verstanden für eine neue Bewährung der Gemeinschaft der evangelischen Kirchen. Weil man kein weiteres Instrument neben den Weltbünden und der Konferenz Europäischer Kirchen schaffen wollte, bot sich die Leuenberger Konkordie und die aus ihr hervorgegangene Kirchengemeinschaft als ein kirchenpolitisch vernünftiges Instrument für das Zusammenwachsen der evangelischen Kirchen in Europa an. Die Budapester Versammlung bat die Leuenberger Kirchengemeinschaft, "in Konsultation mit den europäischen Sektionen der konfessionellen Weltbünde die Initiative zu ergreifen, um aus den in den letzten Jahren in einigen Regionen erreichten Erklärungen zur Kirchengemeinschaft zwischen den lutherischen und reformierten Kirchen einerseits und der methodistischen und anglikanischen Kirche andererseits Konsequenzen für diese Kirchen in ganz Europa zu ziehen". Außerdem wurde darum gebeten, die "Leuenberger Vollversammlung in Wien 1994 ... (zu nutzen), um der Verpflichtung der evangelischen Kirchen zu gemeinsamem Zeugnis und Dienst mehr als bisher Ausdruck zu geben". Der Exekutivausschuß hat inzwischen die notwendigen Kontakte zur Kirche von England, zur Evangelisch-methodistischen Kirche, zur Brüder-Unität und den Hussiten aufgenommen. Das Ziel wird nicht in jedem Fall die Unterzeichnung der Konkordie sein können. Aber wenn es gelingt, auf der Grundlage der Konkordie und der regional bereits getroffenen Vereinbarungen Kirchengemeinschaft in Europa zu erweitern, haben sich viele ökumenische Bemühungen der vergangenen zwei Jahrzehnte seit Verabschiedung der Leuenberger Konkordie gelohnt.



6. Einheit in versöhnter Verschiedenheit

Das der Leuenberger Konkordie zugrundeliegende ökumenische Modell ist das der Einheit in versöhnter Verschiedenheit: Die zustimmenden Kirchen erklären die Kirchengemeinschaft "in Bindung an die sie verpflichtenden Bekenntnisse oder unter Berücksichtigung ihrer Traditionen" (LK, Ziff. 30).

Dieses Konzept bedeutet, "daß verschiedene Kirchen bleiben und doch eine Kirche werden, aber in ihrem Verhältnis zueinander der Tatsache Rechnung tragen, daß sie von Gott her die eine, heilige, allgemeine, apostolische Kirche sind" (Nizäisches Glaubensbekenntnis). Das Konzept geht also davon aus, "daß die von Gott gegebene Einheit der Kirche die Einheit des Leibes Jesu Christi und die Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist widerspiegelt" (Kundgebung der Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Ziff. 2, in: Friedrich-Otto Scharbau (Hg.), Die Einheit der Kirche, Hannover 1985, S. 12).

Kritisch ist an dieses Konzept die Frage gerichtet worden, ob es im Grunde nicht nur eine Bestätigung des Status quo sei und wirkliche Veränderungen nicht bewirke. So stellt das aus dem Dialog zwischen dem Lutherischen und dem Reformierten Weltbund hervorgegangene Dokument "Auf dem Weg zur Kirchengemeinschaft" (Genf 1990) in Ziff. 32 zur Leuenberger Konkordie kritisch fest: "Theologische Übereinstimmung allein genügt nicht; sie muß in konkrete Situationen umgesetzt werden - mit ihren liturgischen, spirituellen, praktischen oder organisatorischen Konsequenzen. Im Moment befinden sich die lutherischen und reformierten Kirchen in Europa auf dem schwierigen Weg von der bloßen Erklärung zur Gestaltgebung der Kirchengemeinschaft".
Es ist richtig, daß die Gestaltung erklärter Kirchengemeinschaft eine eigene Aufgabe ist, die mit der Erklärung selbst noch nicht erledigt ist. Aber die Gestaltungsaufgabe setzt eben die Erklärung voraus. Die Leuenberger Konkordie hat dafür den Begriff der "Verwirklichung" verwendet (LK, Ziff. 35). Das ökumenische Modell von der Einheit in versöhnter Verschiedenheit ist nicht ein Organisationsmodell, es führt auch nicht notwendig zu Unionsbildungen, sondern es beschreibt einen Weg, an dessen Anfang "wir uns gegenseitig als Kirche anerkennen können, wenn wir im Grundbekenntnis der e i n e n Wahrheit des Evangeliums übereinstimmen, diese aber in unterschiedlichen Gestalten ausdrücken" (Erklärung der Bischofskonferenz der VELKD, aaO, S. 12). Darin liegt gerade die Überwindung des Status quo, und tatsächlich ist, wo eine Verständigung auf dieses Modell erfolgt, mehr an Gemeinschaft zwischen Kirchen möglich, als das bei anderen Modellen, die übrigens kaum zur Verfügung stehen, zu erwarten wäre. Das Modell der Einheit in versöhnter Verschiedenheit ist, wie die Leuenberger Konkordie zeigt, ein theologisch begründetes und ekklesial realistisches Modell. Wer mehr will, wird leicht weniger erreichen. Ob es wirklich das e i n e Modell für den Gesamtbereich der Ökumene ist, soll hier nicht erörtert werden. Aber für die Kirchengemeinschaft konfessionsverwandter Kirchen hat es sich als tragfähig erwiesen. Darüber hinaus wird es sich auch als integrationsfähig erweisen, wenn es gelingt, bilaterale Abmachungen und Erklärungen für die Gesamtheit der an der Leuenberger Konkordie beteiligten Kirchen zu erschließen und umgekehrt die in der Leuenberger Konkordie und den anschließenden Lehrgesprächen getroffenen Feststellungen in den bilateralen Dialogen berücksichtigt werden.

Der Glaube erkennt in der einigenden Kraft des Evangeliums Ursprung und Ziel des Wunders der Kirche, die nach Gottes Willen da ist. Unsere Modelle und Bemühungen um Kirchengemeinschaft sind Versuche, in dieser vorgegebenen Einheit Trennungen zu überwinden und so Kirche nach Gottes Willen zu sein.



Friedrich-Otto ScharbauQuellen und Literatur

1. Wenzel Lohff, Die Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa: Leuenberger Konkordie. Eine Einführung mit dem vollen Text, Frankfurt 1985.

2. Cornelia Nussberger (Hg.), Wachsende Kirchengemeinschaft. Gespräche und Vereinbarungen zwischen evangelischen Kirchen in Europa, Bern 1992.

3. Auf dem Weg zur Kirchengemeinschaft. Bericht der Gemeinsamen Kommission des Lutherischen Weltbundes und des Reformierten Weltbundes, Genf 1990.
Abendmahlsgespräch der Evangelischen Kirche in Deutschland 1947 - 1957. Bericht der Kommission für das Abendmahlsgespräch der Evangelischen Kirche in Deutschland (Arnoldshainer Abendmahlsthesen), Hannover 1958.

4. Marc Lienhard (Hg.), Zeugnis und Dienst reformatorischer Kirchen im Europa der Gegenwart. Texte der Konferenz von Sigtuna (10. - 16. Juni 1976), Ökumenische Perspektiven Nr. 8, Frankfurt 1977.

5. André Birmelé (Hg.), Konkordie und Kirchengemeinschaft reformatorischer Kirchen im Europa der Gegenwart. Texte der Konferenz von Driebergen/Niederlande (18. - 24. Februar 1981), Ökumenische Perspektiven Nr. 10, Frankfurt 1982.

6. André Birmelé (Hg.), Konkordie und Ökumene. Die Leuenberger Kirchengemeinschaft in der gegenwärtigen ökumenischen Situation. Texte der Konferenz von Straßburg (18. - 24. März 1987), Frankfurt 1988.

7. Elisabeth Schieffer, Von Schauenburg nach Leuenberg. Entstehung und Bedeutung der Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa, Paderborn 1983.