Predigttexte

Predigt von Pfarrer i. R. Manfred Mielke, 15.02.2026

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde!

Wer von ihnen hat heute schon eine whatsapp-Nachricht aufs Handy bekommen? Und wer von ihnen hat in letzter Zeit einen handgeschriebenen Brief bekommen? Das sind wesentlich weniger.

Ein echter mit Tinte geschriebener Brief ist selten geworden, ist eine wahre Rarität.

Sich hinsetzen, Gedanken machen, was schreibe ich, welche Gedanken sind mir wichtig und möchte ich gerne meinem Adressaten weitergeben? Und dann vielleicht ein besonderes Papier aus der Schublade holen, den Füller in die Hand nehmen, es mit meinen Gedanken beschriften, den Brief zukleben, Briefmarke drauf und zum Briefkasten bringen. Und dann auf die Antwort warten, die hoffentlich bald eintrifft.

Auf der anderen Seite werden täglich Milliarden Nachrichten geschrieben auf den Smartphones, viele gedankenlos, mit kleinen Bilder versehen und oft mit vielen Rechtschreibfehlern. Alles mögliche wird da mitgeteilt, von der Liebeserklärung bis zur Terminabsage. Ich werde mit Nachrichten überschüttet muss das Sinnvolle von dem ganzen Unsinn trennen. Ich komme kaum nach, all das zu lesen, wertzuschätzen und dann auch noch zu beantworten! Unsere Gesellschaft leidet unter einer Informationsflut, und man kann sozusagen darin untergehen und ertrinken. Da braucht man schon echt viel Disziplin, nicht alles zu lesen und vorallem nicht alle zu glauben, was da so erscheint.

Heute geht es auch im einen Nachrichtenschreiber, einen Briefeschreiber, der nur wenig Platz hat, seine Gedanken niederzuschreiben und der sich deshalb im Vorfeld Gedanken macht, wie er seine Botschaft möglichst kurz und knackig, aber auch gehaltvoll weitergeben kann. Und das hier hat er dann geschrieben:

12Das schreibe ich euch, ihr Kinder: Eure Schuld ist euch vergeben durch Jesus Christus, in dessen Namen ihr getauft seid.

13Das schreibe ich euch, ihr Alten: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an gegeben war.
Das schreibe ich euch, ihr Jungen: Ihr habt den Bösen besiegt.
14Ich habe es euch schon geschrieben, ihr Kinder: Ihr habt den Vater erkannt.
Ich habe es euch schon geschrieben, ihr Alten: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an gegeben war. Ich habe es euch schon geschrieben, ihr Jungen: Ihr seid stark. Das Wort Gottes wirkt in euch. Ihr habt den Bösen besiegt. 1. Joh 2, 12 - 14

Es hat fast etwas von einer whatsapp-Nachricht, wie er hier an die Adressaten schreibt. Große Gedanken packt er in kurze Sätze und die sitzen!

Eure Schuld ist euch vergeben / Ihr habt den erkannt, der von Anfang an gegeben war. /

Ihr habt den Bösen besiegt. / Ihr habt den Vater erkannt. / Ihr seid stark. / Das Wort Gottes wirkt in euch.

Man könnte fast meinen, hier schreibt der Erfinder von Kurznachrichten! Und ihm gelingt noch etwas besonderes. In diesen 3 kurzen Versen wendet er sich gleich an drei verschiedene Gruppen in der Gemeinde: An die Kinder, die Väter und die Jungen, also die jungen Männer.

Und alle drei Gruppen bekommen verschiedene Botschaften, jeweils verbunden mit ihrem Lebenskontext.

Den jungen Männer schreibt er: Ihr seid stark. Das Wort Gottes wirkt in euch. Ihr habt den Bösen besiegt. Ich glaube, es gibt nichts Besseres als jungen Männer zu sagen: Ihr seid stark! Das ist ihr Lebensgefühl, sie wollen der Welt zeigen: Seht her, wie stark ich bin, ich kann es mit allen aufnehmen. Und offensichtlich war das nicht nur ihr Anspruch, sie haben es auch geschafft. Sie haben den Bösen, oder das Böse besiegt! Ein Konflikt, der nicht vermeidbar war in der Gemeinde wurde ausgetragen und das erfolgreich.

Der zweiten Gruppe, den Alten schreibt der Autor: ihr Alten: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an gegeben war. Er hätte auch schreiben können: ihr habt Lebenserfahrung, ihr wisst, worauf es ankommt, euch kann niemand etwas vormachen. Ihr seid so weise, dass ihr Jesus als Sohn Gottes erkannt habt. Gut gemacht!

Und schliesslich die dritte Gruppe, die jungen Menschen:12Das schreibe ich euch, ihr Kinder: Eure Schuld ist euch vergeben durch Jesus Christus, in dessen Namen ihr getauft seid.

Warum sagt er das gerade den jungen Menschen? Was haben die denn mit Schuld zu tun?

So jung wie sie sind? Ich würde die Betonung mehr auf den 2. Teil des Satzes legen: ihr seid getauft. Er hätte auch schreiben können: ihr gehört zu Gott, das kann euch keiner nehmen. Lebt in diesem Bewusstsein. Und wenn ihr dann doch Schuld auf euch ladet, weil ihr so jung seid, weil ihr es nicht besser wisst, weil das Temperament mit euch durchgegangen ist, oder der Mund schneller war als der Kopf: eure Schuld ist euch vergeben, ich verzeihe euch. Ihr lebt aus dieser Vergebung, aus diesem Verzeihen.

Angesichts des Krieges in Israel habe ich im Moment das Gefühl, dass ich als Christ, dass wir als Christen gerade das Verzeihen groß machen müssen. Keiner der beteiligten Parteien kann im Moment vergeben oder verzeihen. Deshalb braucht es Menschen von außen, die diesen

Gedanken hoch halten und sich dafür einsetzen. Trotz allem Leid und Tod dürfen wir nicht aufhören, an Frieden und Verzeihen und auch Versöhnung zu glauben, dürfen wir nicht aufhören, das Gespräch zu suchen.

Unser Präses Dr. Thorsten Latzel schreibt diese Woche hierzu an die Gemeinden:

Setzen Sie ein klares Zeichen gegen Antisemitismus und Judenhass, jeden Tag und gerade auch angesichts der kommenden Gedenkfeiern zur Reichspogromnacht. Jede Form von Antisemitismus findet in unserer Evangelischen Kirche im Rheinland den schärfsten Widerstand. Sprechen Sie weiter mit muslimischen Gesprächspartnern in Ihrer Nachbarschaft.

Nehmen Sie Anteil an der Sorge, die Menschen aus Gaza oder dem Libanon um das Leben und die Sicherheit auch ihrer Familien haben. Auch der Gefahr einer anti-muslimischen Polarisierung in unserer Gesellschaft müssen wir uns als Evangelische Kirche im Rheinland gemeinsam mit unseren Gesprächspartnern entgegenstellen.

Wir sind getauft und als solche sind wir aufgerufen, Gottes Willen und Gottes Liebe in der Welt zu bezeugen.

Wie das aussehen kann, erzählt diese kleine Geschichte: »Ein Vater und sein Sohn lebten

friedlich und in völliger Eintracht. Sie lebten von dem Ertrag ihrer Felder und Herden. Sie

arbeiteten miteinander und teilten gemeinsam, was sie ernteten. Alles fing durch ein kleines Missverständnis an. Eine immer größer werdende Kluft bildete sich dann zwischen ihnen, bis es zu einem heftigen Streit kam. Fortan mieden sie jeglichen Kontakt und keiner sprach mehr ein Wort mit dem anderen. Eines Tages klopfte jemand an der Tür des Sohnes. Es war ein Mann, er suchte Arbeit. ›Kann ich vielleicht einige Reparaturen bei ihnen durchführen?‹ ›Ich hätte schon Arbeit für dich‹, antwortete der Sohn. ›Dort, auf der anderen Seite des Baches steht das Haus meines Vaters. Vor einiger Zeit hat er mich schwer beleidigt. Ich will ihm beweisen, dass ich auch ohne ihn leben kann.‹ ›Hinter meinem Grundstück steht eine alte Ruine, und davor findest du einen großen Haufen Steine. Damit sollst du eine 2 Meter hohe Mauer vor meinem Haus errichten. So bin ich sicher, dass ich meinen Vater nicht mehr sehen werde.‹ ›Ich habe verstanden‹, antwortete der Mann. Dann ging der Sohn für eine Woche auf Reise. Als er wieder nach Hause kam, war der Mann mit seiner Arbeit fertig. Welch eine Überraschung für den Sohn! So was hatte er nicht erwartet. Denn anstatt einer Mauer hatte der Mann eine schöne Brücke gebaut. Da kam auch schon der Vater aus seinem Haus, lief über die Brücke und nahm seinen Sohn in die Arme. ›Was du da getan hast, ist einfach wunderbar! Eine Brücke bauen lassen, wo ich dich doch schwer beleidigt hatte! Ich bin stolz auf dich und bitte dich um Verzeihung.‹ Während Vater und Sohn Versöhnung feierten, räumte der Mann sein Werkzeug auf und schickte sich an, weiterzuziehen. ›Nein, bleib doch bei uns, denn hier ist Arbeit für dich‹, sagten sie ihm. Der Mann aber antwortete: ›Gerne würde ich bei euch bleiben, aber ich habe noch anderswo viele Brücken zu bauen …‹«

Es gibt noch so viele Brücken zu bauen! Bis heute ist das so. Drei Gruppen nimmt unser Briefeschreiber in den Blick und spricht sie ganz unterschiedlich an. Wir hatten gestern regionalen Presbyterkonvent und haben uns im Gemeindehaus mit 24 Presbyterinnen aus der Region getroffen. Lasst uns unser Glück teilen hieß das Motto und der Auftrag dahinter: Wie können wir unseren Glauben, den wir als lebensbejahend und bereichernd empfinden, an andere weitergeben, die das nicht so sehen? Und das faszinierende dabei war, dass alle 4 Kleingruppen, die je für sich gearbeitet haben, zum gleichen Ergebnis gekommen sind: wir müssen was an unseren Gottesdiensten verändern. An der Liturgie, der Musik, der Sprache, ja auch der Uhrzeit.

Unsere gottesdienstlichen Angebote sind für Außenstehende nicht attraktiv. Sie sind nicht verständlich. Wir müssen Außenstehende anders ansprechen. Der Inhalt ist gut und lebenswichtig, nur die Verpackung ist nicht mehr attraktiv. Die Botschaft ist ja weiterhin wahr und aktuell. Wir erreichen nur nicht mehr alle Menschen, für die Gott sie gedacht hat. Vielleicht müssen wir, wie unser Briefeschreiber, wirklich unterschiedliche Gruppen unterschiedlich ansprechen. Dann sagen wir eben nicht mehr: eure Schuld ist euch vergeben, sondern eher: jeder Mensch hat eine Sehnsucht, eine Sehnsucht nach unbedingter Liebe. Lass uns gemeinsam entdecken, wie wir diese Sehnsucht stillen können.

Vielleicht würde der Briefeschreiber uns heute so eine Kurznachricht senden, wie es die Stiftung Marburger Medien, ein christlicher Verlag mit seinen Postkarten tut:

Kurz und knackig, aber voller Inhalt. Bild mit Postkarten Aufschriften werden vorgelesen:

“Ich glaub an dich – Gott“; „Vergeben(s) – Gott; „Lieber Händefalten als Sorgenfalten“; „You’ll never walk alone – Gott“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.

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